Dahlem vor 100 Jahren

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war Dahlem ein kleiner Gutsbezirk mit weniger als 200 Einwohnern. Neben der alten Dorfkirche lagen das Gutshaus mit Stallungen und Nebengebäuden, ihm gegenüber der »Alte Krug«, einige Fachwerk- und Gutsarbeiterhäuser und die Mühle. Die meisten Einwohner arbeiteten auf dem Gut, darunter viele Saisonarbeiter. Daneben gab es einige Handwerker. Um den Ortskern erstreckten sich die Äcker, unterbrochen von kleinen Wäldchen und Seen. Das Gut gehörte seit 1841 dem Preußischen Domänenfiskus, der es an einen Landwirt verpachtete, aber seit 1883 sich vorbehielt, jederzeit Gelände für öffentliche Zwecke abtrennen zu können.

Das »deutsche Oxford«

Seit den 1880er Jahren gab es Pläne, in Dahlem ein Zentrum der Wissenschaft, ein »deutsches Oxford«, anzulegen. Geistiger Vater dieser Überlegungen war der Abteilungsleiter im Ministerium der Geistlichen, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten Friedrich Althoff. So wurde der Botanische Garten von Schöneberg hierher verlegt und ab 1903 schrittweise für das Publikum geöffnet. 1906 wurde das Botanische Museum fertiggestellt. Bereits 1902 wurde das Pharmazeutische Institut der Friedrich-Wilhelms-Universität eingeweiht und 1903 die Königliche Gärtnerlehranstalt, die 1823 von Peter Joseph Lenné gegründet worden war, von Wildpark bei Potsdam nach Dahlem verlegt. Beide Einrichtungen lagen in der Königin-Luise-Straße, die schon 1890 gepflastert worden war, während es sonst in Dahlem nur Feldwege gab. Dort entstand 1901 auch der »Reichsversuchsgarten« des Kaiserlichen Gesundheitsamtes, aus dem 1905 die selbständige Reichsbehörde »Biologische Anstalt für Land- und Forstwirtschaft« hervorging. Die Bakteriologische Abteilung des Gesundheitsamtes wurde 1903–1906 an der Potsdamer Chaussee, heute Unter den Eichen, angesiedelt. Auf der anderen Straßenseite wurde 1904 das Königliche Materialprüfungsamt eröffnet.

Villenkolonie und Gartenstadt

Der letzte Pachtvertrag über die Domäne lief am 30. Juni 1901 aus. Der Preußische Staat beschloss, die 531 ha große Domäne nicht wieder zu verpachten, sondern in eigener Regie aufzuteilen und in eine Villenkolonie umzuwandeln. Den Bebauungsplan dafür entwarf der Architekt Walter Kyllmann. Das preußische Abgeordnetenhaus stimmte am 19. Januar 1901 zu, dass die Domäne aufgeteilt und das Gelände ausschließlich »zur Anlage eines vornehmen Villenortes benutzt werde, da das Terrain für Arbeiterwohnungen zu teuer sei«. Im Süden des Domänenlandes glaube man jedoch, kleinere Beamtenwohnungen schaffen zu können. Durch Allerhöchsten Erlass wurde am 1. April 1901 die »Kommission zur Aufteilung der Domäne Dahlem« gebildet. Vorsitzender wurde der Ministerialdirektor im Landwirtschaftsministerium Professor Hugo Thiel.

Der Bebauungsplan sah eine schachbrettartige Anlage der Straßen entlang des unregelmäßigen Grenzverlaufs vor, aufgelockert durch acht Schmuckplätze. Neben der St.-Annen-Kirche waren noch fünf weitere Kirchenbauten eingeplant. Freiland zur landwirtschaftlichen Nutzung war nördlich des Gutshofes vorgesehen. Auf die Höhenunterschiede des Geländes nahm der Plan kaum Rücksicht. Als erste neue Straße wurde ab August 1901 die Altensteinstraße ausgebaut. Hier erwarb als erster der Kunstmaler Hans Koberstein Ende 1901 eine Parzelle von 2.100 m² für 12,50 Mark/m². Die Grundstückspreise lagen 1901 im Durchschnitt bei 17,14 Mark/m² und stiegen bis 1910 auf 27,88 Mark/m². Zum Vergleich: Das Jahresgehalt des 1908 berufenen ersten Dahlemer Pfarrers Gelfert betrug 3.900 Mark.

Wie sich die Zahl der Einwohner und der privaten Neubauten in den ersten zehn Jahren der Aufteilung entwickelte, zeigt die folgende Tabelle:

Jahr   Einwohner   Neubauten
1901 (1.7.)   194   1
1902   227   9
1903   352   10
1904   685   16
1905 (1.12.)   1.054   15
1906   1.588   23
1907 (31.12.)   2.284   20
1908 (1.10.)   2.561   21
1909 (1.9.)   3.002   26
1910 (1.12.)   3.462   33

Baute man zuerst im traditionellen Villenstil, so setzte sich ab 1905 der Typ des Landhauses nach englischem Vorbild durch, für den vor allem der Architekt Hermann Muthesius warb. Die ersten Mietwohnhäuser baute der Beamtenwohnungsverein 1904 im Geviert Ladenbergstraße, Rudeloffweg, Unter den Eichen und Von-Laue-Straße. Mit breiten Höfen, gärtnerischen Anlagen und viel Licht und Luft passen sich diese Bauten auch heute noch gut in die Villenlandschaft ein.

Wichtig für den südlichen Teil wurde der neue Bebauungsplan, den der von Hugo Thiel beauftragte Architekt Heinrich Schweitzer ab 1907 entwickelte. Schweitzer nutzte die vorhandenen topographischen Gegebenheiten, den Baumbestand und die Wasserläufe, in die sich die Villen so einfügen sollten, damit »eine richtige Gartenstadt entstände«. Der berühmte Städtebauer Herman Jansen, ein Freund Schweitzers, setzte sich für die ungeschmälerte Anlage des Schwarzen Grundes ein und erreichte die Erweiterung der Grünanlagen bis zur Habelschwerdter Allee.

Die Schulen

Mit dem Anwachsen der Bevölkerung musste auch eine Gemeindeschule in Dahlem errichtet werden, denn die bisherige Schule in Schmargendorf reichte nicht mehr aus. In der Lansstraße wurde ein kleines Schulhaus errichtet und am 27. April 1905 mit vorerst einer Klasse mit 53 Schülern eröffnet. Thiel und Althoff traten schon früh für die Errichtung eines Gymnasiums in Dahlem ein. Sie fanden einen tatkräftigen Verbündeten in Dr. Johannes Richter, der eine neue Form von Internaten gründen wollte: Ein Lehrerehepaar, »das seine gesamte Kraft aus warmherziger Hingabe seinen Zöglingen widmete und ganz mit ihnen lebte«, sollte kleineren Einzelhäusern vorstehen. Als Träger des Internats wurde die »Dahlemer Schulgesellschaft m.b.H.« gegründet, die später in die »Richtersche Stiftung« umgewandelt wurde. Sie errichtete 1908/09 die Heimhäuser. Gleichzeit wurde das Arndt-Gymnasium gebaut, das am 20. April 1909 mit einigen Räumen und 160 Schülern den Betrieb aufnahm und am 16. Oktober 1909 feierlich eingeweiht wurde.

Im selben Jahr wurde eine sechsklassige höhere Mädchenschule gegründet, die vorerst im Gemeindeschulhaus untergebracht wurde, bis sie Ostern 1911 den Neubau Im Gehege bezog. 1914 erhielt sie offiziell den Namen »Gertraudenschule«.

In Dahlem fand auch die »Königin-Luise-Stiftung«, ein Internat, das Mädchen unterrichtete und Lehrerinnen ausbildete, in der Podbielskiallee 78 eine neue großzügige Unterkunft, die am 13. Juni 1907 in Anwesenheit der Kaiserin Auguste Viktoria, der Protektorin der Stiftung, feierlich eröffnet wurde. Ein Alumnat für evangelische Jungen, das »Paulinum«, wurde 1908/09 am Reichensteiner Weg errichtet zugleich mit dem daneben liegenden Dienst- und Wohngebäude für den »Central-Ausschuss für Innere Mission« in der Altensteinstraße 52.

Die Kirchengemeinde

Die Bevölkerung war überwiegend evangelisch: 1905 zu 87,4% (921 Einwohner), 1909 zu 90,4% (2.715 Einwohner). Die Kirchengemeinde Dahlem war seit 1708 der Kirchengemeinde Deutsch-Wilmersdorf angeschlossen, der Pfarrer in Schmargendorf versorgte die Dahlemer mit und hielt alle 14 Tage um 11 Uhr Gottesdienst. Die alte Dorfkirche, in der 1893 die bedeutenden mittelalterlichen Wandgemälde wiederentdeckt worden waren, hatte die Aufteilungskommission 1905/06 durch W. Blaue restaurieren lassen. Der Gemeindekirchenrat bestand aus dem Pfarrer und dem Patronatsältesten, der von der Regierung in Potsdam ernannt wurde – es war seit 1901 der Administrator der Domäne Rudolf Zarnack mit einem gewählten Ältesten. 1900–1906 hatte der Müller Carl Schilling dieses Amt inne, dann löste ihn der 1902 zugezogene Abteilungsleiter im Materialprüfungsamt Professor Dr. Max Gary ab. Daneben gab es die sechsköpfige Gemeindevertretung. Seit Frühjahr 1907 verhandelten die Gemeindekirchenräte von Deutsch Wilmersdorf, Schmargendorf und Dahlem über die Aufhebung der pfarramtlichen Verbindung der drei Kirchengemeinden und die Errichtung einer Pfarrstelle in Dahlem. Die Versorgung von Schmargendorf und Dahlem konnte, wie das Konsistorium am 19. November 1907 an den Evangelischen Oberkirchenrat schrieb, »durch einen Geistlichen nicht mehr ausreichend bewirkt werden«. In Schmargendorf wohnten über 5.000 Evangelische. »In Dahlem ist in den letzten 5–6 Jahren die Seelenzahl der Evangelischen von 170 auf weit über 1.000 gestiegen und soll bei der großen Entwicklung dieser Gemeinde im nächsten Jahr auf etwa 2.000 wachsen.« Auch in Wilmersdorf reichte die Versorgung durch drei Pfarrer und zwei Hilfsgeistliche nicht mehr aus, da die Gemeinde Wilmersdorf schon über 60.000 Seelen zählte und in schnellem Wachstum begriffen war. Am schwierigsten war die Einigung über den »Wilmersdorfer Pfarrfonds«, aus dem die vier bisherigen Pfarrstellen für die drei Gemeinden bezahlt wurden.

Am 11. März 1908 unterzeichnete das Konsistorium und am 18. März 1908 die Regierung in Potsdam die Parochialregulierungs-Urkunde, mit der am 31. März 1908 die pfarramtliche Verbindung der drei Kirchengemeinden aufgehoben und in der Kirchengemeinde Dahlem eine Pfarrstelle errichtet wurde. Die Erstbesetzung der neuen Stelle stand der Kirchenleitung zu. Der Evangelische Oberkirchenrat schlug den 2. Missionsprediger der Berliner Gesellschaft zur Beförderung des Christentums unter den Juden Pastor Gelfert vor. Robert Gelfert war am 17. Juli 1869 im schlesischen Leobschütz geboren und hatte in Breslau, Berlin und Halle studiert. Im Gottesdienst am 12. Juli 1908 wurde er von dem stellvertretenden Superintendenten Geh. Konsistorialrat Kriebitz in das Pfarramt eingeführt. Das kirchliche Leben blühte auf. Seit Mai 1908 fanden die Hauptgottesdienste jeden Sonntag um 10 Uhr statt. Pfarrer Gelfert war in seiner Mietwohnung in der Ladenbergstraße 7 an jedem Wochentag von 9 bis 10.30 Uhr in Gemeindeangelegenheiten zu sprechen. Am 1. Oktober 1908 wurde zunächst auf Probe der junge Organist und Komponist Walter Scharwenka angestellt, der auch den Dahlemer Kirchenchor wieder belebte. Das Reformationsfest wurde am Montag, dem 2. November 1908, in einem Restaurant mit Musikbeiträgen und drei kurzen Vorträgen über Luther gefeiert. Aber die 1905 eingebaute Heizung in der Dorfkirche bereitete große Schwierigkeiten, denn im beginnenden Winter sank die Temperatur in der Kirche stellenweise auf 8° C.

Das Pfarrhaus

Für den dringend notwendigen Bau eines Pfarrhauses stellte die Aufteilungskommission der Gemeinde ein 2.550 m² großes Grundstück neben dem Kirchhof (Pacelliallee) zur Verfügung. Bereits im Dezember 1908 beschlossen Gemeindekirchenrat und Gemeindevertretung den Bau mit einer Höchstsumme von 60.000 Mark und beauftragten den bekannten Architekten Heinrich Straumer mit der Planung. Als Gelfert das Pfarrhaus (das heutige Martin-Niemöller-Haus) am 15. März 1910 bezog, waren die Kosten auf 71.150,65 Mark gestiegen. Im gleichen Zeitraum stiegen aber die jährlichen Einnahmen der Gemeinde aus der Kirchensteuer von 14.932,00 auf 22.988,06 Mark.

Hartmut Sander

 

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